Therapie & Praxis

Training in der Neurologie

und Geriatrie

Anhand verschiedener neurologischer und geriatrischer
Krankheitsbilder wollen wir darstellen, wie ein effektives Training gestaltet werden kann. In dieser Folge beschäftigen wir uns mit dem M. Parkinson (idiopathisches Parkinson-Syndrom), ein sehr häufiges neurologisches Krankheitsbild weltweit. Neurologische Erkrankungen sind inzwischen die häufigsten Ursachen für Behinderungen.

Hier geht es zu Teil 1 der Serie (Schlaganfall)

Text: Sabine und Hans Lamprecht

Morbus Parkinson ist die Krankheit, die in der Bevölkerung am meisten zunimmt, mehr als Alzheimer-Demenz und andere. Von 1990 bis 2015 hat sich die Prävalenz und somit auch die Zahl der Behinderungen durch M. Parkinson mehr als verdoppelt. [3] Die Zahl der Parkinsonpatienten wird sich zwischen den Jahren 2015 und 2040 von 6,9 Millionen auf 14,6 Millionen ebenfalls vervielfachen. [2]

Schon James Parkinson, der erste Beschreiber von Parkinsonpatienten, hat in seinem Essay „An Essay on the Shaking Palsy“ 1817 beschrieben, dass die Patienten unwillkürliche, zitternde Bewegungen verbunden mit verminderter Muskelkraft aufwiesen. [5]

Die Prävalenz von M. Parkinson ist stark altersabhängig. Die meisten Patienten erkranken zwischen dem 58. und 62. Lebensjahr. Die Prävalenz bei über 65-Jährigen liegt bei 1.800/100.000 Personen mit einer Steigerung von 0,6 % pro Jahr bis zu einer Prävalenz von 2.600/100.000 bei Personen zwischen 85 und 89 Jahren. Es zeigen sich keine geschlechtsspezifischen Abweichungen. [1]

Die Therapie des M. Parkinson muss interdisziplinär gestaltet sein

Das Krankheitsbild hat sehr unterschiedliche Symptome und Verläufe. Die medikamentöse Therapie ist grundlegend; ein interdisziplinäres Vorgehen ist essenziell. Dazu gehören aktivierende Physio- und Ergotherapie, spezialisierte Sprach- und Schlucktherapie und vieles mehr. Physiotherapie mit Schwerpunkten wie Gangtraining, Gleichgewichtsübungen, Kraft- und Dehnungsübungen sowie Sturzprävention erhält in der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und in der europäischen Physiotherapie-Leitlinie den höchsten Empfehlungsgrad. Parkinsonbetroffene brauchen in der Physio- und Ergotherapie ein spezifisches Vorgehen, das unabhängig von Konzepten an evidenzbasiertem Wissen orientiert sein sollte. Dabei helfen uns die oben genannten Leitlinien.

Entstehung und Therapie in Phasen

Die Symptome des M. Parkinson entstehen durch eine Störung im extrapyramidalen System und der Basalganglien. Dopaminerge Zellen gehen in der Substantia nigra zugrunde, sodass es im Striatum zu einem Mangel an Dopamin und zu einem Überschuss an Acetyncholin kommt. Beim M. Parkinson sind Hypokinese, Bradykinese und Akinese die Leitsymptome. Als Kardinalsymptome gelten Rigor, Tremor und die Störung der posturalen Kontrolle.

Therapie und Training sollten in der On-Phase stattfinden [4] und an die Stadien der Erkrankung angepasst sein. Die nichtärztliche Therapie – Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie – sollte auf die Symptome fokussiert sein, die medikamentös oder durch die DBS (deep brain stimulation – tiefe Hirnstimulation) nicht oder nicht ausreichend beeinflussbar sind. Diese Symptome sind Sprechstörungen, Gleichgewichtsstörungen, komplexe Gang­störungen und Haltungsstörungen.

In der frühen Phase (Hoehn & Yahr 1 bis 2) hat der Patient nur geringe Behinderungen und der Therapiefokus sollte im Bereich der Vermeidung von Inaktivität und Bewegungsarmut, Vermeidung von Bewegungs- und Fallangst sowie Verbesserung oder Erhalt der körperlichen Leistungsfähigkeit (Kondition, Muskelkraft, Stimmvolumen, Geschicklichkeit) liegen. Ein hochintensives Laufbandtraining mit einer Belastung von ca. 80 % der maximalen Herzfrequenz hat gezeigt, dass damit innerhalb von 6 Monaten die Gehfähigkeit gemessen im UPDRS (Unified Parkinson’s Disease Rating Scale) mot stabilisiert werden konnte. [7]

In der mittleren Phase (H & Y 3 bis 4) bemerken Patienten zunehmend Behinderungen und Gleichgewichtsstörungen. Das Gehen ist betroffen und das Sturzrisiko steigt. Der Therapiefokus ist in dieser Phase auf Erhalt und Verbesserung von Alltagsaktivitäten gerichtet. Weiterhin ist die Verbesserung der Körperhaltung und der Feinmotorik wichtig. Sprechen und Schlucken sollten von der Logopädie behandelt werden und Gehen und Gleichgewicht, besonders das reaktive Gleichgewicht, müssen intensiv trainiert werden.

In der späten Phase (H & Y 5) sind die Patienten vermehrt auf fremde Hilfe angewiesen, die Mobilität ist immer stärker eingeschränkt und die Patienten sind auf den Rollstuhl angewiesen oder bettlägerig. [6] Der Therapiefokus konzentriert sich jetzt auf das Training von Transfers; Sturz- und Verletzungsprophylaxe werden immer wich­tiger, auch Kommunikationsmöglichkeiten müssen geübt werden. Wichtige Gesichtspunkte sind natürlich auch das Vermeiden von Aspiration und Kontrakturen, die Verhinderung von Dekubiti sowie gegebenenfalls Palliativmaßnahmen.

Gangtraining bei Parkinson

Ein Gangtraining mit dem Laufband bei Parkinsonpatienten ist unabdingbar, um Gangge­-
schwin­digkeit und Dual Tasking trainieren zu können. Auch Gangausdauer kann idealerweise mit dem Laufband trainiert werden. Mit dem Gangtrainer lyra von THERA-Trainer können Ganggeschwindigkeit, Schrittlänge, Gleichgewicht und Dual Task sowie auch Ausdauer trainiert werden.

Bei der Ganggeschwindigkeit ist es wichtig, dass man im Gangtrainer auf Geschwindigkeiten von über 3,0 km/h kommt. Natürlich muss dies individuell angepasst werden. Jedoch kann man nur durch das Fordern von höheren Geschwindigkeiten ein gezieltes Geschwindigkeitstraining mit einer Verbesserung der Ganggeschwindigkeit erreichen.

Möchte man eher Aus­dauer trainieren, sollte man zwar auch möglichst zügig gehen, jedoch liegt der Fokus auf der Gangausdauer. Hier hat sich ein Intervalltraining bewährt, bei dem man kurze Pausen macht und dann aber weitergeht. Dabei lassen wir die Patienten in der lyra eine Pause machen, indem wir nur einen Hocker in das Gerät stellen, um eine Sitzpause zu ermöglichen.

Beim Gleichgewichtstraining ist es unabdingbar, dass sich die Patienten nicht festhalten – auch nicht am Trainingsgerät selbst. Dabei helfen Therabänder, an denen sich der Patient festhalten kann. Diese ermöglichen es dem Patienten, sich auch dauerhaft beim Gehen nicht festzuhalten. Jetzt kann als Steigerung sehr gut ein Dual-Task-Training erfolgen, indem der Patient aufgefordert wird, Dinge im Raum zu finden, zu rechnen, rückwärtszuzählen oder auch fließend über Ereignisse zu berichten.

Regelmäßiges Steh- und Bewegungstraining

Mit einem Bewegungstrainer sollte mit wenig Widerstand und höchster Umdrehungszahl trainiert werden. Wichtig ist hier, ein regelmäßiges Training am besten dreimal täglich mindestens dreimal wöchentlich durchzuführen.

Im Stehtrainer balo können auch schwer betroffene Patienten in gesicherten Positionen reaktives Gleichgewicht sowie Ausfallschritte üben. Außerdem können im balo in gesicherter Position Haltungsschwierigkeiten gezielt auftrainiert oder auch die Muskulatur so aktiv wie möglich gedehnt werden. Beim Dehnen ist es wichtig, dass der Patient sich möglichst selbst dehnt, beispielsweise Pectoralis und die gesamte Flexorenkette der oberen Extremität sowie der Hände, ähnlich wie bei den BIG-Übungen. Genauso können auch Ischiocrurale oder Wade im balo aktiv gedehnt werden. Durch die Verlagerung kann z. B. in Schrittstellung noch intensiver die Wade oder beim anderen Bein die Hüftflexoren gedehnt werden. Aktives Dehnen bei schwerer Betroffenen ist im balo sehr gut möglich. Außerdem kann im Steh­trainer auch Schluck- oder Sprachtherapie erfolgen, da die aufrechte Körperposition diese unterstützt. Natürlich ist bei schwerbetroffenen Par­kin­son­­pa­tienten, wie auch bei anderen Schwer­be­trof­fenen, das Stehen ein essenzieller Therapieansatz, der täglich durchgeführt werden sollte und in dem viele Prophylaxen kumuliert sind. Auch hier gilt: Täg­liches Stehen von einer Stunde ist empfehlenswert.

Gang-, Bewegungs- und Stehtrainer wie lyra, tigo und balo können so beim M. Parkinson je nach Krankheitsphase individuell, spezifisch und sinnvoll eingesetzt werden.

 

Auf einen Blick - Zusammengefasst

  1. Die Zahl der Parkinsonerkrankten nimmt aktuell und in den kommenden Jahren stark zu. Trotz unterschiedlicher Symptome und Verläufe empfiehlt die Leitlinie der DGN immer Gangtraining, Gleichgewichts-, Kraft- und Dehnungsübungen sowie Sturzprävention.
  2.  Das Training sollte den Stadien der Erkrankung angepasst sein und sinnvollerweise mit Unterstützung von Therapiegeräten wie Gang-, Balance- und Bewegungstrainer stattfinden.
  3. Sowohl Gang- als auch Bewegungs­training sollte mit möglichst hoher Schrittfrequenz bzw. Umdrehungszahl stattfinden.
     

Literatur

[1] de Rijk MC, Launer LJ, Berger K, Breteler MM, Dartigues JF, Baldereschi M et al. (2000). Prevalence of Parkinson’s disease in Europe. A collaborative study of population-based cohorts. Neurologic Diseases in the Elderly Research Group. In: Neurology 54 (11 Suppl 5), S21-3.

[2] Dorsey ER, Bloem BR (2018). The Parkinson Pandemic – A Call to Action. In: JAMA neurology 75 (1).

[3] Feigin VL, Abajobir AA, Abate KH, Abd-Allah F, Abdulle AM, Abera SF et al. (2017). Global, regional, and national burden of neurological disorders during 1990-2015. A systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2015. In: The Lancet Neurology 16 (11), S. 877-897.

[4] Frank MJ, Seeberger LC, O'Reilly RC (2004). By carrot or by stick. Cognitive reinforcement learning in parkinsonism. In: Science (New York, N.Y.) 306 (5703), S. 1940-1943.

[5] Parkinson J (2009). Eine Abhandlung über die Schüttellähmung. Zweisprachige Ausgabe: Englisch/Deutsch. Hg. v. Jürgen Flügge. Norderstedt: Books on Demand.

[6] Sato K, Hatano T, Yamashiro K, Kagohashi M, Nishioka K, Izawa N et al. (2006). Prognosis of Parkinson’s disease. Time to stage III, IV, V, and to motor fluctuations. In: Movement disorders: official journal of the Movement Disorder Society 21 (9), S. 1384-1395.

[7] Schenkman M, Moore CG, Kohrt WM, Hall DA, Delitto A, Comella CL et al. (2018). Effect of High-Intensity Treadmill Exercise on Motor Symptoms in Patients With De Novo Parkinson Disease. A Phase 2 Randomized Clinical Trial. In: JAMA neurology 75 (2), S. 219-226.

Autoren


Sabine Lamprecht hat 1982 ihr Physiotherapie-Examen in Berlin abgelegt. Seitdem hat sie an diversen Fortbildungen teilgenommen. 2006 hat sie den Abschluss zum Master of Science Neurorehabilitation an der Donauuniversität Krems/Österreich gemacht.

Ab 1983 war sie als leitende Physiotherapeutin in der Neurologischen Klinik Christophsbad tätig und hat dort die Physiotherapeutische Abteilung mit aufgebaut.

 


Auch Hans Lamprecht ist seit 1982 als Physiotherapeut tätig. Er gründete die Regionalgruppe Kirchhiem im Landesverband der Physiotherapeuten Baden-Württemberg.

Bereits 1987 eröffneten Sabine und Hans Lamprecht zusammen eine eigene Praxis.